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Wirkt sich Vaterentbehrung auf die Geschlechteridentität und die spätere Partnersuche bei Männern aus?


Die bürgerliche Kernfamilie bildet in ihrer Bilderbuchzusammenstellung (Vater – Mutter - ein Kind) mit drei beteiligten Personen die Mindestmöglichkeit für die Konstellation einer Gruppe im Sinne Georg Simmels (vgl. Hildenbrand, 2000). Dieses Paradigma der Trinität familiärer Verbände hält sich bis heute in der Vorstellung der meisten Menschen als Ideal aufrecht, obwohl die Realität zeigt, dass sich längst alternative Familienverbände etabliert haben.

Laut Statistik Austria leben 10,5 Prozent der Kinder im Alter bis vier Jahre bei allein erziehenden Müttern. In derselben Alterskohorte macht der Anteil allein erziehender Väter lediglich 0,5 Prozent aus. Im Alter zwischen 15 und 19 Jahren steigt der Anteil der Kinder bei Alleinerzieherinnen sogar auf 16 gegenüber 2,7 Prozent bei Männern an. Es zeigt sich also, dass bei Auflösungserscheinungen der traditionellen Kleinfamilie meist die Mütter die Erziehung der Kinder übernehmen. Das Ausscheiden einer Person, in den meisten Fällen des Vaters, aus diesem kleinfamiliären Verband kann auch mit der Unterminierung bzw. dem völligen Ausbleiben der sozialisatorischen Rolle der betreffenden Person verbunden sein.

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob und wie sich diese fallweise männliche Unterrepräsentanz in Sozialisation und Erziehung auf die Entwicklung männlicher Jugendlicher und ihre Geschlechtsidentität auswirkt.

Theoretische Grundlagen

Plausibilisierung von Auflösungserscheinungen


In den 1950ger und 60ger Jahren wurde die Kleinfamilie das vorherrschende, dominante Familiensystem in den Industriestaaten, forciert durch sozialpolitische Maßnahmen seitens des Staates (Peuckert, 2005). Seither erfuhr der Familienbegriff einige Pluralisierungsprozesse und „die Familie“ ist nicht mehr einfach mit nur einem Wort zu umschreiben. Je nach persönlichen Erfahrungen kommen Assoziationen zum Stimulus des Begriffs auf wie Kernfamilie, Ein-Elternfamilie, Patchworkfamilie, Idealfamilie, Stieffamilie, Kleinfamilie, Partnerschaftsfamilie, Großfamilie, Mutter-Kind-Familie, Pflegefamilie,… Das könnte wahrscheinlich noch so weitergeführt werden.

Laut Kaufmann besteht diese Pluralisierung von Familienformen zumeist nur aus weiteren Ausdifferenzierungen vorhandener Konzepte. Er erläutert, dass Familien durch das Ansteigen der Scheidungsraten, das Sinken der Geburtenziffern etc. in eine Krisensituation kamen, wodurch die zunehmende Ausprägung neuer Familienorganisationen begünstig wurde bzw. daraus resultierte (Kaufmann, 1995). Paarbeziehung und Elternbeziehung driften in modernen Familien zunehmend auseinander - die Fragmentierung von Wohnsituation, Liebe und Kindererziehung auf unterschiedliche Orte und Zeiten ist möglich geworden. Zusammenfassend könnte man also sagen, dass es in der Postmoderne zu

• einer Deinstitutionalisierung der Ehe und Familie gekommen ist.
• Pluralisierungsformen von Familie gekommen ist.
• einer Zunahme der interfamiliären Arbeitsteilung gekommen ist.
• einer Verschiebung von Machtverhältnissen gekommen ist.

Die Familie weil, mit den Worten von Niklas Luhmann, enthemmte Gruppe, steht vor der besonderen Problematik die engst mögliche Gemeinschaft mit einer immer weiter wachsenden Anzahl individueller Möglichkeiten der Gruppenmitglieder zu verbinden. Die an den einzelnen Menschen herantretenden Notwendigkeiten einer postmodernen oder einfach verkomplizierten Umwelt sind es, die es unumgänglich machen Entscheidungen über Fragen zu treffen, die sich in vorangegangenen Zeiten so nicht gestellt haben. Eine dieser neu auftretenden Fragen stellt die prinzipielle Wahl der Form des familialen (Beziehungs-)Lebens dar. Mit der Möglichkeit aus einer weiten Palette verschiedener Konstellationen des Zusammenlebens oder auch des Single-Daseins zu wählen, ergibt sich auch ein impliziter Zwang eine Entscheidung darüber zu treffen, welche die für einen geeignete Auswahl ist. Individuelle Wertehaltungen und Weltanschauungen können und müssen nun in Lebensentscheidungen manifestiert werden. Verschiebungen innerhalb von Wertehorizonten können es aber auch möglich und sogar notwendig machen sich neu zu orientieren und geschlossene Beziehungen hinter sich zu lassen.

Hans-Joachim Hoffmann-Novotny geht dabei sogar so weit zu behaupten, dass die mit der gesellschaftlich fortschreitenden Individualisierung ein Living-apart-together, nämlich die Fragmentierung von Paarbeziehung, Wohnsituation und Kindererziehung, die geeignetste Form der Organisation familialen Beziehungslebens ist. (vgl. Hoffmann-Novotny, 1995) Die Obsorge über das Kindeswohl bindet sich hierbei an eine Person, während die andere Elternperson zumindest räumlich davon getrennt ist und vielleicht sogar in einer anderen Paarbeziehung engagiert ist.

Problematisierung familiärer Beziehungen

Die Problematik der Aufrechterhaltung einer bürgerlichen Kernfamilie sieht Hoffmann-Novotny vor allem im Umstand der Ungleichmäßigkeit der verschiedenen Beziehungsebenen innerhalb heutiger Familien begründet. Während sich die elterliche Paarbeziehung von einer Gemeinschaft, mit klaren Strukturen der Abhängigkeit in eine Richtung, zu einer Gesellschaft im Sinne Tönnies, mit reziproken Verpflichtungen und Abhängigkeiten, gewandelt hat, bleibt die Eltern-Kind-Beziehung immer noch im Schema der Einbahnstraßen-Abhängigkeit verhaftet (vgl. Hoffmann-Novotny, 1995). Diese These vertreten auch Alois Herlth und Hartmann Tyrell. Für sie sind die Ebenen Paar-Beziehung und Eltern-Kind-Beziehung in ihrer Struktur so unterschiedlich, dass sie immer weiter auseinanderdriften und somit den Rahmen der Kernfamilie sprengen. Eltern-Kind Beziehungen sind eben auch nicht so einfach zu kündigen, wie es bei Paarbeziehungen der Fall ist und nehmen in ihrer Normativität sogar eher zu, was Kaufmann mit seinem Begriff der verantwortlichen Elternschaft bezeichnet (vgl. Kaufmann, 1990).

Nach Auflösung einer Paarbeziehung fügt sich diese Eltern-Kind-Beziehung sogar tendenziell enger und es wird versucht beidseitige emotionale Bedürfnisse bestmöglich zu befriedigen. Tyrell und Herlth sprechen hierbei sogar von der Möglichkeit des Kindes als Partnersubstitut. Kritisch mit der zu engen Bindung zwischen Eltern und Kind setzt sich auch Niklas Luhmann auseinander (vgl. Luhmann, 1990). Das für ihn einzig legitime Subsystem innerhalb einer Familie sei die Paarbeziehung der Eltern, da jede andere diskrete Systembildung den Rahmen der Familie sprengen würde und innerhalb der prinzipiell enthemmten Kommunikation für Unfrieden sorgen würde.


Vorhandene Forschungen

Mit dem Phänomen von abwesenden Vätern und dem Einfluss dieses Fehlens auf männliche Kinder und Jugendliche beschäftigten sich in den vergangenen Jahren auch einige sozialwissenschaftliche Erhebungen sowohl quantitativer als auch qualitativer Natur.

Eine Studie des Sozialministeriums aus dem Jahre 2006 untersuchte Wissenschaftliche Grundlagen der Buben- und Burschenarbeit in Österreich. Aus diesem Grunde wurden 318 Personen (Kinder, Jugendliche, Eltern, PädagogInnen, ExpertInnen) mittels verschiedener Instrumente beforscht. Zum Einsatz kamen unter anderem Leitfadeninterviews, selbst erstellte und standardisierte Fragebögen, sowie Fragen aus anderen Studien. Die Erhebung unter den Kindern wurde mit einem Persönlichkeitsfragebogen (PFK9-14) sowie auch mit Fragebögen zu Kompetenz- und Kontrollüberzeugungen oder Selbstkonzepten durchgeführt.

Befragt wurden bei den Kindern und Jugendlichen Kategorien wie Geschlechterstereotypen, Werte, Vorbilder, Umgang mit Problemen, Konflikten usw. Die Eltern wurden in Bezug auf Erwartungen (in Bezug auf ihre Kinder), Geschlechterstereotypen, eigene Rolle in der Erziehung und Umgang ihrer Kinder mit Problemen interviewt.
In ihrer Auswertung kommt die Studie zu dem Schluss, dass bei männlichen Kindern besonders in der ödipalen Phase eine Vaterfigur wichtig sei. Dies vor allem, um von einem positiven Rollen- und Vorbildverhalten lernen zu können. (Anm. d. Ver.: die Frage drängt sich auf, was vice verso ein negatives Rollen- und Vorbildverhalten auslöst bzw. wie sich dieses zu dem Falle eines fehlenden role-models verhält). Im Weiteren sehen laut der Studie männliche Kinder in der ödipalen Phase signifikant öfter den Vater als ihr Vorbild an, als die Mutter. Die Verfasser sehen dabei das Fehlen einer positiven männlichen Vorbildperson bei männlichen Kindern und Jugendlichen als einen Faktor für zumindest auffälliges Verhalten, bis hin zu einer Delinquenz oder sogar psychischen Erkrankung (vgl. Guggenbühel et al., 2005)

Eine andere Studie des Sozialministeriums aus dem Jahre 2005 erschien unter dem Titel Lebenswelten Vater-Kind, positive Väterlichkeit und männliche Identität. Untersucht wurden unter anderem „die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und die gesellschaftlichen Bedingungen und Voraussetzungen für positive Väterlichkeit“. (Ballnik et al., 2005, p. 14) Die fünf Grundfragen der Studie lauteten:
• Wie sehen positive Vater-Kind-Lebenswelten aus?
• Was sind die Kennzeichen und Auswirkungen positiver Väterlichkeit und deren Wurzeln in positiver männlicher Identität?
• Unter welchen soziologischen und psychosozialen Bedingungen, in welchen Lebenswelten können sich positive Männlichkeit und positive Väterlichkeit entwickeln?
• Welche Faktoren begünstigen die Ausbildung und – in weiterer Konsequenz die Aufrechterhaltung positiver Vater-Kind-Beziehungen?
• In welcher Form müssen Trennungen zwischen Eltern gestaltet werden, um positive Aspekte der Väterlichkeit weiterhin lebbar zu machen?
(Ballnik et al., 2005, p. 13)

An sozialwissenschaftlichen Methoden bedienten sich die MacherInnen der Studie vor allem qualitativer Interviews, Interaktionsstudien (per Videoaufzeichnung) und selbst erstellter Fragebögen. Als für die gewählte Thematik besonders interessant stellt sich die Triaden-Verlaufs-Analyse dar, bei der Kinder dazu aufgefordert wurden, ihre kernfamiliäre Triade mit Tonfiguren nach- und darzustellen.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass bei einer Trennung oder Scheidung ein totaler Verlust des Vaters beidseitig, sowohl von der Seite des Vaters, als auch des Kindes, als problematisch erlebt wird. Die Findung der eigenen männlichen Identität würde für Kinder und Jugendliche durch die Abwesenheit einer Vaterfigur erschwert. Im Babyalter wurden vor allem die motorischen Fähigkeiten des Kindes vom Vater gefördert und eine generelle Motivatorenaufgabe geleistet, während mit steigendem Alter der Vater mehr als „Tor zur Welt“ (Ballnik et al., 2005, p. 203) gesehen wird und Fähigkeiten und Interessen fördert. Die Grundfaktoren einer positiven Väterlichkeit sind für die AutorInnen der Studie:

• Zuneigung
• Vertrauen
• Gemeinsame Zeit
• Verantwortung – Verlässlichkeit
• Stolz des Vaters auf das Kind

72 Prozent der beforschten Väter und 64 Prozent der Mütter sehen einen förderlichen Zusammenhang zwischen dieser positiven Männlichkeit und Väterlichkeit.
Für den Fall der Trennung/Scheidung sieht die Studie eine spätere positive Beziehung zwischen Vater und Kind je eher möglich, desto stärker diese Bindung vorher war. Die AutorInnen stellen auch die weiterführende Frage, wie sich die Trennung der Eltern auf „die psychische, die kognitive, die leibliche Entwicklung von Kindern langfristig“ auswirkt (vgl. Ballnik et al., 2005).

Das Fehlen eines männlichen Parts in der Erziehung und Sozialisation eines Kindes wird auch im 1. Österreichischen Männerbericht des Sozialministeriums von 2006 thematisiert. Ballnik und Wassertheurer gehen dabei davon aus, dass das fast ausschließliche Fehlen von männlichen Bezugspersonen und Vorbildfiguren in der primären und sekundären Sozialisation mögliche problematische Folgewirkungen für die weitere Entwicklungen eines männlichen Kindes und Jugendlichen haben können. Auffällige Verhaltensweisen gelten ihnen dabei als Folgewirkung (vgl. Ballnik/Wassertheurer, 2006).

Auch der Psychoanalytiker Max Gregory Vogt weist in Fallstudien auf die oftmals problematischen Folgen des Fehlens einer männlichen Identifikationsfigur in der Erziehung und Sozialisation eines männlichen Kindes hin. Die dauerhafte Abwesenheit des Vaters und die daraus resultierende immer engere Nähe zur Mutter könne zu einem problematischen Kreislauf führen. Diese enge Bindung beschneide ebenso die Freiheiten der Mutter. Es bestehe die Gefahr für den Jugendlichen, in der Adoleszenz stecken zu bleiben, wenn das Verhältnis zum Vater ungeklärt bleibt und er als Identifikationsfigur und Herausforderung fehlt. Ähnlich wie Ballnik und Wassertheurer betrachtet es Vogt als schwierig, wenn das männliche Kind über Männlichkeit nur aus der Perspektive einer weiblichen Person (eben der Mutter) Erfahrungen sammelt. Das fehlende gemeinsame Verständnis mit anderen Männern über Männlichkeit und auch Sexualität könne zu einer Polarisierung des Sicht auf Frauen (idealisiertes Objekt vs. Sexualobjekt) führen. Extremfälle zu starker Mutterfixierung bildeten entweder eine infantile Maskulinität aus, die durch übertriebene Promiskuität und Rebellion gegen die Mutter gekennzeichnet ist, oder eine selbstunterworfene Maskulinität, die es zulässt ein Eigenleben für die Nähe zu Frauen zu opfern (vgl. Vogt, 1995).

Nach Fthenakis sei die vaterlose Familie jedoch nicht grundsätzlich defizitär. Zwar geben die Autoren eine Forschungsempfehlung in diese Richtung ab, sind sich jedoch dessen bewusst, dass Kausalitäten über den langen Zeitraum der späteren Entwicklung eines Menschen von einer vaterlosen Kindheit zu späteren Problemen nur schwer zweifelsfrei zu finden sind.


Triangulierung der Familie


Im Folgenden soll detailliert auf triadische Bezugssysteme eingegangen und erläutert werden, wodurch eine derartige Organisation ihren beinahe doktrinären Charakter als kleinstes funktionierendes Familiensystem erhält. Wie schon eingangs erwähnt, dominiert die klassische Kleinfamilie weitgehend die Vorstellungen der Menschen. Vorgestellt wird, dass eine intakte Familienorganisation die Voraussetzung für eine störungsfreie Ontogenese und Sozialisation des Kindes ist. Eine aufrechte Trinität der Familie wird auch von vielen WissenschafterInnen unterschiedlicher Disziplinen als Prämisse für die Entwicklung und Identitätsbildung des Kindes postuliert. Allerdings wird auf wissenschaftlicher Basis mittlerweile eingeräumt, dass eine Triade nicht unbedingt aus den leiblichen Eltern und dem Kind bestehen muss, sondern auch andere Bezugspersonen diese Aufgaben erfüllen können, so die Bindung zu dem Kind eng ist (vgl. Metzger, 2000; Schleidt, 1997; u.a.).

Der Mutter wird allgemein eine initiale Rolle als Bezugsperson für das Kind zugeschrieben. Die Bindung zwischen Mutter und Kind entsteht schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt, worüber weitläufiger Konsens herrscht. Die bilaterale Mutter–Kind Bindung wird in einigen Kulturen sogar forciert, beispielsweise durch Isolation von Mutter und Kind von der übrigen Gesellschaft für eine bestimmte Zeit. Schleidt argumentiert, dass auch das „Wöchnerinnenbett“ in unseren Breiten mit diesem Phänomen vergleichbar ist. Eine enge Beziehung von Mutter und Kind ist essentiell für das Entwickeln eines Sicherheitsgefühls des Kindes, welches Voraussetzung für ein späteres Auftreten explorativen Verhaltens ist. Fühlt sich das Kind sicher in der Nähe der Mutter, kann es seiner Neugier folgen und neue Kontakte aufbauen um seine Umwelt zu erforschen. Fehlt dieses Sicherheitsgefühl, wird dieses Verhalten unterminiert und so die soziale und kognitive Entwicklung des Kindes inhibiert (vgl. Schleidt, 1997).

Über ein Generieren eines Sicherheitsgefühls hinaus reicht die Bedeutung von weiteren emotionalen Bindungen an dritte Personen in der Umwelt des Kindes. Durch die Bindung an weitere Mitglieder der Sozietät, vor allem durch eine Bindung an den Vater, werden Kompetenzen erworben, die durch eine rein duale Bindung an die Mutter zu kurz kommen würden. Unter diese Kompetenzen fällt unter anderem soziales Lernen (vgl. Schleidt, 1997).

EthnologInnen konstatieren, dass Vater–Kind Bindungen ein spezifisch menschliches Phänomen sind. Bei einigen Tierarten können Männchen–Jungen Bindungssystemen beobachtet werden (vgl. Paul, 1997), allerdings handelt es sich beim Interaktionspartner nicht notwendigerweise um den Vater. Ein vergleichbarer Phänotyp eines Beziehungssystems zwischen Vater und Kind kann bei keiner anderen Primatenart festgestellt werden. Vielleicht nicht zuletzt deshalb wird der Triade menschlicher Familien große Bedeutung zugemessen. Dammasch geht sogar soweit anzunehmen, dass die Triade das „Urmuster“ menschlicher Beziehungen darstellt und ein Säugling a priori die Fähigkeit in triadischen Beziehungen zu interagieren, aufweist (vgl. Dammasch, 2000).

Ob eine Triade aber tatsächlich von Geburt an besteht, oder sich erst peri-ödipal herausbildet, ist sehr umstritten. Mahler und Spitz konstatieren in ihrer psychoanalytischen Entwicklungstheorie, dass sich von Geburt an eine symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Kind manifestiert, die so eng ist, dass ein Lockern und Aufbrechen dieser Bindung durch einen Dritten nötig wird, um dem Kind die Möglichkeit der Individuation und der Entwicklung eines unabhängigen Selbstkonzepts zu gestatten. Zu diesem Zwecke sehen sie den Vater als triangulierenden Protagonisten (vgl. Spitz, 1992; Mahler 2000). Dieses Konzept wurde von Abelin aufgegriffen und mit dem Prozess der frühen Triangulierung spezifiziert. Er meint, der Vater interveniere in die symbiotische Mutter– Kind Beziehung als unnachsichtiger Dritter. So werde die Bindung an die Mutter gelockert und das Kind quasi frei um sich zu entwickeln (vgl. Abelin, 1971). Dieses Konzept wurde in Folge aber stark kritisiert. Metzger und Dammasch messen dem Vater von Geburt an Bedeutung bei. Sie sprechen von einer Parallelität dyadischer Mutter- Kind und triadischer Mutter- Vater- Kind Beziehungen. Beide Beziehungssysteme sind gleichwertig, aber nicht gegeneinander austauschbar (Metzger, 2000; Dammasch, 2000).

So divergent die Theorien und Schlüsse über den Zeitpunkt der Triangulation auch sind, herrscht Konsens über die Bedeutung des Vaters im Bezugssystem des Kindes. Es konnte gezeigt werden, dass das Verhaltens- und Betreuungsrepertoire der Väter mit dem der Mütter vergleichbar ist, die Art der Interaktion mit dem Kind aber von der Mutter divergiert. Väter stimulieren ihre Kinder oftmals mehr und machen zumeist mehr Bewegungsspiele als Mütter. Außerdem gestatten sie den Kindern oft einen größeren Handlungsspielraum als besorgte Mütter dies tun (vgl. Schleidt, 1997 und Ofuatey-Kodjoe, 1997). Aus diesen unterschiedlichen Verhaltensprogrammen resultiert final auch die Bedeutungsbeimessung einer Trinität des Bezugssystems des Kindes. Auf welche Parameter sich die Triangulierung der Interaktionswelt explizit auswirkt, soll im folgenden Teil diskutiert werden. Es sei allerdings noch erwähnt, dass wichtiger als die Spezifität der Person, zu der eine Bindung aufgebaut wird, die Erreichbarkeit der Person ist. Eine genetische Verwandtschaft mit dem Kind kann also nicht fehlende Nähe oder psychische und physische Nichtverfügbarkeit wettmachen (vgl. Grossmann et al., 1997).


Die Bedeutung des Vaters


Der Begriff der „Vaterentbehrung“ wurde von Horst Petri eingeführt und popularisiert (Petri, 1999). Studien konnten zeigen, dass sich Einflüsse von Vaterentbehrung nicht nach einem binären 0 – 1 System kategorisieren oder vorhersagen lassen. Bei physischer An-, aber psychischer Abwesenheit des Vaters, kann ebenso von Vaterentbehrung gesprochen werden, wie bei Verlust des Vaters durch seinen Tod. Eine durch Scheidung induzierte räumliche Trennung der Familie muss wiederum nicht mit Vaterentbehrung einhergehen, zumindest nicht in einem derart drastischen Ausmaß, dass das Kind Schaden davon tragen würde. Es ist also, wie Kagerer es fordert wichtig, verschiedene Formen von Vaterentbehrung und Verfügbarkeit zu differenzieren (vgl. Kagerer, 1998). Auch der Zeitpunkt, also in welchem Alter der Verlust des Vaters auftritt ist ein wichtiger einzubeziehender Parameter.
Intensiv beschäftigt sich Fthenakis mit dieser Thematik. Entscheidend in seinen Studien ist die Differenzierung in Ausmaß und Dauer der Vaterentbehrung, die Ursache und den Zeitpunkt der Trennung, das Vorhandensein von Vatersurrogaten sowie das Geschlecht des Kindes. Dies sind Parameter, die maßgeblich die Ausprägung der Folgen einer Vaterentbehrung beeinflussen können. A priori kann nicht festgestellt werden, dass vaterlose Familien negativ zu bewerten sind, respektive sich defizitär auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Es können sich, abhängig von verschiedenen Parametern negative Effekte auf die schon genannten Identitäts- und Individualisierungsprozesse ergeben, diese sind aber keine zwangsläufige Folge. (vgl. Fthenakis, 1988; Robin, 1979; Thomas, 1980)

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich ein trianguläres Bezugssystem für das Kind vor allem auf folgende Parameter positiv auswirkt und vor allem vom Vater verstärkt werden:

1. Kognitive Entwicklung
2. Moralische Entwicklung
3. Autonomie, Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbild
4. Aggressionsbewältigung, soziale Kompetenzen
5. Geschlechtsidentität, Geschlechterrollen

In Studien konnte gezeigt werden, dass Buben bei vorübergehender Vaterentbehrung kognitive Defizite aufweisen können. Für Mädchen konnte eine derartige Korrelation nicht festgestellt werden. Interessanterweise wurde auch aufgezeigt, dass für Buben, die ihren Vater schon zu einem frühen Zeitpunkt entbehren mussten (durch Tod des Vaters oder Verlassen der Familie) gegenteiliges zutrifft. Diese Buben weisen häufig besondere sprachliche und mathematische Begabungen auf, die jenen gleichaltriger Mädchen entspricht. Durch die frühe Vaterentbehrung wird angenommen, dass die Ausprägung männlicher Rollenstrukturen verringert wird und die Buben daher andere Verhaltensprogramme aufweisen (Erhard und Janig, 2003). Vorsicht ist jedoch mit der Interpretation dieser Ergebnisse und der ubiquitären, verallgemeinernden Anwendung geboten, da der Forschungsstand kein einheitliches Bild vermittelt. Außerdem können auch durch die Abwesenheit der Mutter ähnliche Effekte gefunden werden.

Auch auf die moralische Entwicklung hat die Abwesenheit des Vaters bei Buben gravierendere Einflüsse, als dies bei Mädchen beschrieben werden kann. Dies wird hauptsächlich darauf zurückgeführt, dass diesen Buben der Vater als Modell zur Konfliktlösung fehlt. Weiters gibt es Tendenzen, dass Mütter zu Mädchen eine innigere Beziehung aufbauen als zu Buben, wenn der Vater abwesend ist (vgl. Erhard und Janig, 2003).

Die Ausprägung sozialer Kompetenzen kann auch maßgeblich von der Abwesenheit oder des Verlusts des Vaters beeinflusst werden. Hier spielen allerdings der Zeitpunkt der Vaterentbehrung, das Geschlecht des Kindes oder die Ursache der Vaterentbehrung eine große Rolle (vgl. Erhard und Janig, 2003).

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, wie sich Vaterentbehrung auf das Selbstkonzept und im Speziellen auf das Männlichkeitskonzept von Söhnen auswirkt. Studien belegen, dass sich die Vaterentbehrung nicht auf geschlechtsspezifische Verhaltensparameter auswirkt, sondern vielmehr auf das männliche Selbstkonzept. Die kulturelle Verortung sowie das Verhalten der Mutter dem Sohn gegenüber können außerdem großen Einfluss auf die Ausprägung männlicher Identitätsentwicklung haben (vgl. Erhard und Janig, 2003). Im Speziellen soll ermittelt werden, ob in der Gruppe der Männer, die professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um eine Partnerin zu finden, ein besonders hoher Anteil von vaterentbehrenden Männern zu finden ist.

Forschungsfragen

- Ist ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Männern, die ohne Vater aufwuchsen in der Untersuchungsgruppe zu finden?
- Welches Selbstkonzept und Männlichkeitskonzept ist in dieser Gruppe vorherrschend?
- Kann das Selbstkonzept auf eine Vaterentbehrung zurückgeführt werden?
- Zu welchem Zeitpunkt fand die Vaterentbehrung statt und wie wurde diese erlebt?
- Gab es eine Person, die quasi als Vatersurrogat fungierte (Großvater, Onkel, neue Beziehung der Mutter)?

Forschungsmethodik

- Fragebogenerhebung
- Gruppeninterviews
- Leitfadeninterviews
- Persönlichkeitstests


Literatur:


Abelin, E. (1971) The role of the father in separation-individuation process. In: McDevitt JB, Settlage CF (Hrsg). Separation-Individuation. Int. Univ. Press, New York.

Asendorf, Jens B. (1999). Psychologie der Persönlichkeit. Springer-Verlag. Heidelberg.

Ballnik, Peter, Wassertheurer, Peter, (2006). 1. Österreichischer Männerbericht. Wien: BMSG.

Ballnik, Peter u.a., 2006: Lebenswelten Vater-Kind, positive Väterlichkeit und männliche Identität. Wien: BMSG.

Dammasch, Frank (2000). Die innere Erlebniswelt von Kindern alleinerziehender Mütter. Eine Studie über Vaterlosigkeit anhand einer psychoanalytischen Interpretation zweier Erstinterviews. Frankfurt/Main 1. Aufl.

Diekmann, Andreas, (1996). Empirische Sozialforschung. Hamburg: Rowohlt Taschebuchverlag GmbH.

Erhard, R. & Janig, H. (2003). Folgen der Vaterentbehrung. Eine Literaturstudie. http://www.junge-vaeter.at/lernen/downloads/Vaterentbehrung.pdf, Zugriff 26.12.2007.

Flick, Uwe, (2000). Qualitative Forschung. Hamburg: Rowohlt Taschebuchverlag GmbH.

Flick, Uwe, (2004). Triangulation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Fthenakis, W.E. (1988). Väter. Band 1: Zur Psychologie der Vater – Kind – Beziehung. München: Urban & Schwarzenberg.

Grossmann et al. (1997). Die Bindungstheorie. Modell, entwicklungspsychologische Forschung und Ergebnisse. In: Keller, H. (Hersg.). Handbuch der Kleinkindforschung. 2. überarbeitete Auflage. Verlag Hans Huber, Bern.

Guggenbühel, Allan u.a., (2005). Wissenschaftliche Grundlagen der Buben- und Burschenarbeit. Wien: BMSG.

Herlth, Alois, (1994). Abschied von der Normalfamilie. Berlin: Springer.

Hildenbrand, Bruno, (2000). Wandel und Kontinuität in sozialisatorischen Interaktionssystemen: Am Beispiel der Abwesenheit des Vaters. In: H. Bosse, V. King (Hrsg.) Männlichkeitsentwürfe – Wandlungen und Widerstände im Geschlechterverhältnis. Frankfurt am Main: Campus, S. 168-177.

Hoffmann-Novotny, Hans-Joachim, (1995). Die Zukunft der Familie – Die Familie der Zukunft. In: Nauck, Bernhard (Hersg.): Familie der Zukunft. Opladen: Leske+Budrich, S 325-345.

Kagerer, P. (1998). Zur Vater – Sohn – Problematik bei Glücksspielsüchtigen. In: Fuechtenschnieder, I. & Witt, H. (Hersg.). Sehnsucht nach dem Glück. Geesthacht: Neuland. S. 34 – 48.

Kaufmann, F.X. (1995). Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. München.

Kaufmann, Franz-Xaver, (1988). Familie und Modernität In: Lüscher, Kurt; Schultheis, Franz; Wehrspaun, Michael (Hersg.): Die „postmoderne“ Familie. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz, S 391-412.

Lüscher, Kurt, (1995). Familie und Postmoderne In: Familie im Brennpunkt von Wissenschaft und Forschung. Berlin: Luchterhand, S 3-16.

Luhmann, Niklas, (1990). Soziologische Aufklärung 5. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Mahler, Margaret S. (1998). Symbiose und Individuation. Psychosen im frühen Kindesalter.
Stuttgart: Klett Cotta Verlag, 7. Aufl.

Metzger, Hans-Geert (2000). Zwischen Dyade und Triade. Psychoanalytische Familienbeobachtungen zur Bedeutung des Vaters im Triangulierungsprozeß. Tübingen: Edition Discord.

Ofuatey-Kodjoe, Ursula (1997). „Zum Wohle des Kindes: Je jünger, desto weniger Kontakt?“. In: Zentralblatt für Jugendrecht, Jg.84 Heft 7/8, 1997, S.233-235.

Paul, Andreas (1997). Die vergleichende Perspektive. Kindheit in nicht-menschlichen Primaten. In: Keller, H. (Hersg.). Handbuch der Kleinkindforschung. 2. überarbeitete Auflage. Verlag Hans Huber, Bern.

Petri, Horst (1999). Das Drama der Vaterentbehrung. Chaos der Gefühle – Kräfte der Heilung. Freiburg: Herder.

Peuckert, R. (2005). Familienformen im sozialen Wandel. 6. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.

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Schleidt, Margret (1997). Die humanethologische Perspektive. Die menschliche Frühentwicklung aus ethologischer Sicht. In: Keller, H. (Hersg.). Handbuch der Kleinkindforschung. 2. überarbeitete Auflage. Verlag Hans Huber, Bern.

Spitz, Rene A. (1992). Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-
Beziehungen im ersten Lebensjahr. Stuttgart: Klett Cotta Verlag, 10. Aufl.

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